Artikel Jahresbericht HüTN
Ein neuer Weg beginnt - Ein Erfahrungsbericht aus HüTN
HüTN ist ein systemisches Angebot für Familien in der Stadt Heilbronn. Im stationären Setting einer Wohngruppe bearbeiten die Jugendlichen mit Unterstützung der Bezugsbetreuer ihre Ziele und Wünsche, während die Eltern zu Hause in Begleitung der ambulanten Fachkraft an ihren Zielen arbeiten.
Als R. von seiner Vergangenheit erzählt, wird schnell klar: Der Schritt, sein Zuhause zu verlassen, war kein spontaner, sondern ein mutiger Entschluss nach Wochen der Anspannung. Im Rahmen der Hilfen über Tag und Nacht (HüTN) wurde nicht nur seine Situation betrachtet, sondern auch die seiner Familie - mit dem Ziel, Veränderungen im gesamten Familiensystem zu ermöglichen.
Mit dem Einzug des neuen Partners seiner Mutter veränderte sich das Leben für R. und seinen Bruder grundlegend. Der Mann bestimmte den Alltag, machte strenge Vorgaben und behandelte sie schlecht. Alkohol gehörte zum täglichen Bild. Gespräche mit der Mutter brachten keine Entlastung - sie stellte sich auf die Seite ihres Partners. Die Situation wurde für die Brüder unerträglich. Solche familiären Dynamiken sind ein zentraler Ansatzpunkt der ambulanten Arbeit im HüTN-Kontext, die genau dort ansetzt, wo Belastungen im Alltag entstehen.
Was nach außen kaum sichtbar war, lief im Verborgenen längst auf eine Entscheidung hinaus. Heimlich deponierten sie Kleidung in der Schule, planten Schritt für Schritt ihren Auszug und suchten Hilfe. Über die Polizei kamen sie in Obhut. Ein einschneidender Moment - auch, weil sie ihre Schwester zurücklassen mussten.
Auf erste Stationen der Inobhutnahme folgte die Aufnahme in die Wohngruppe Leo der St. Josefspflege. Für R. war das zunächst eine Zeit voller Unsicherheit. Die Frage, ob er zurück zur Mutter gehen würde, stand im Raum - doch innerlich hatte sich bereits etwas verschoben. Parallel begann die ambulante Begleitung der Mutter im häuslichen Umfeld. Ziel war es, die familiäre Situation zu stabilisieren, Ressourcen zu stärken und Perspektiven für den weiteren Weg zu entwickeln.Besonders schmerzhaft blieb die Reaktion seiner Mutter in der Nacht seines Verschwindens. Statt Verständnis erlebte er Ablehnung und Verletzung. "Ich konnte ihr nicht mehr vertrauen und habe monatelang nicht mit ihr gesprochen."
Während sein Bruder später zur Mutter zurückkehrte, entschied sich R., seinen eigenen Weg zu gehen. In der Wohngruppe fand er Menschen, die ihm zuhörten, ihn ernst nahmen und seinen Wunsch nach Selbstständigkeit stärkten. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass es um seine Bedürfnisse, seine Ziele, seine Zukunft geht.
Eine wichtige Rolle spielte die ambulante Fachkraft der Caritas. Sie begleitete den Kontakt zur Mutter, vermittelte, hielt Bindungen aufrecht und arbeitete gleichzeitig mit der Mutter an ihrer Erziehungsrolle, reflektierte belastende Muster und bezog auch das weitere familiäre Umfeld ein."Die ambulante Fachkraft war anfangs das Bindeglied zwischen mir und meiner Mutter." HüTN zeigt damit seine besondere Stärke: Entwicklung findet nicht nur in der Wohngruppe statt, sondern auch im Alltag der Familie. Durch regelmäßige Kontakte, Hilfeplangespräche und enge Abstimmung konnten Fortschritte von Jugendlichen und Eltern gleichzeitig gefördert werden.
Mit der Zeit verlagerte sich der Fokus: weg von der Vergangenheit, hin zu neuen Perspektiven. Schule, Zukunft, ein eigenständiges Leben - Themen, die für R. greifbar wurden. Schritt für Schritt gewann er Selbstvertrauen, wurde offener, knüpfte neue Kontakte. Gleichzeitig entstand etwas, das ihm lange gefehlt hatte: die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Die parallel verlaufende ambulante Arbeit schuf die Grundlage, familiäre Themen zu bearbeiten, ohne seine persönliche Entwicklung zu blockieren.
Im Gegensatz zu früher musste er nicht mehr ständig Verantwortung im familiären Alltag übernehmen. Stattdessen konnte er sich auf Schule und Sport fokussieren - beides wichtige Anker in seinem Leben.
Am Ende steht ein Erfolg, der mehr ist als ein Abschluss: R. bestand sein Abitur, studiert heute und geht seinen Weg selbstbestimmt, mit klaren Zielen und Vertrauen in die eigene Stärke. Rückblickend bot HüTN ihm nicht nur Schutz, sondern die Chance zur Neuorientierung. Durch die enge Verzahnung von ambulanter und stationärer Hilfe konnten persönliche Entwicklung und familiäre Beziehungen gleichzeitig bearbeitet werden.
R. hat seinen eigenen Weg gefunden - und gestaltet seine Zukunft aktiv weiter.